11.05.2018 Rotenburg Von: Ulrich Evers

"Kommen ohne Digitalisierung nicht aus"

2. Gesundheitskonferenz zum Thema Zukunft

Rotenburg.  Zum zweiten Mal fand jetzt die Gesundheitskonferenz der Gesundheitsregion Landkreis Rotenburg statt.

In lockerer Atmosphäre hatten interessierte Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit dem Fachpersonal aus der Region die Gelegenheit, aktuelle Fragen des Gesundheitswesens zu diskutieren und Anregungen für den Gestaltungsprozess der Gesundheitsregion zu geben. Dazu informierten auch mehrere Aussteller über ihre Arbeit.
Landrat Hermann Luttmann begrüßte rund 80 Gäste im Heimathaus. Die Gesundheitsregion sei erfolgreich gestartet und leiste vor dem Hintergrund strukturellen und demografischen Wandels wertvolle Arbeit. „Die Zukunft indes lässt sich nicht denken, ohne Digitalisierung im Gesundheitsbereich.“ Das erfordere aber auch die nötige Infrastruktur, was gerade im ländlichen Raum oft noch ein Problem sei, so Luttmann.
Zu Chancen und Risiken der Digitalisierung im Gesundheitswesen referierte im Anschluss Professor Dr. Johannes Schöning. Der Informatiker von der Universität Bremen gab seiner Zuhörerschaft zunächst einen kurzen Überblick, was heute schon alles an Gesundheits-Apps auf dem Markt ist und was machbar scheint.
„Künstliche Intelligenz kann heute zum Beispiel schon Herzerkrankungen bei Menschen voraussagen, lange bevor die Krankheit überhaupt durch normale Diagnosiken erkennbar ist.“ Dazu, so Schöning weiter, bestimme ein Algorithmus aus einer Augenhintergrundmessung das Risiko, Opfer einer Herzerkrankung zu werden. „Das geht weitaus schneller, als mit den heute angewandten diagnostischen Methoden.“
Auch die Telemedizin, also die Betreuung und Beratung von Patienten per Videochat, sei bereits im Einsatz, so zum Beispiel bei der medizinischen Versorgung von Personal auf Offshore-Windparks. „Die Technologien sind alle längst da. Nur wurden sie noch nie in diesem medizinischen Kontext genutzt.“
Eine Vielzahl von so genannten Gesundheits-Apps überschwemme heute die Nutzer: Smartphones und Smartwatches messen und Speicher jederzeit medizinische Daten ihrer Nutzer, ohne dass die meisten Menschen das kritisch hinterfragen. Selbst soziale Netzwerke, wie Facebook sind dauernd auf der Suche nach Einträgen ihrer Nutzer, die auf ihren Gesundheitszustand schließen lassen.
„Die Frage ist natürlich: Wollen wir das? Wer zertifiziert diese Gesundheits-Apps? Und wollen wir wirklich selbstlernende Systeme?“
Johannes Schöning mahnte zur gesunden Skepsis der neuen Technik gegenüber. So sei ein Algorithmus nach seinen Worten nie neutral, sondern sammele immer nur medizinische Fakten im Sinne desjenigen, der ihn programmiert hat.
„Diese Entwicklung birgt Chancen, aber auch Risiken. Wir dürfen nicht versäumen, diesen Prozess als Gesellschaft mitzugestalten, statt das einigen Konzernen zu überlassen.“ Der Mensch müsse in den Mittelpunkt der zukünftigen Überlegungen gestellt werden. „Gesammelte Daten sollten niemanden aus unserer Gesellschaft oder dem Gesundheitssystem ausschließen“, so Johannes Schöning.
Es brauche eine breite gesellschaftliche Diskussion. Doch Deutschland, so Schöning nüchtern, hinke mal wieder hinterher. Während der französische Premierminister Emmanuel Macron über künstliche Intelligenz diskutiere, sprächen die Verantwortlichen hierzulande nur über Funkloch-Apps.
„Natürlich wird durch die Digitalisierung nicht alles besser. Aber ohne ihren Prozess kommen wir in Zukunft im Gesundheitswesen nicht mehr aus“, ist sich der Informatiker sicher.